Projekt 2: Hikikomori

 Computers, Monitoren, PC-Zubehör, Kabeln, gebauter Kasten | Performance, Installation | 2018


       

Die apotheke ist das innerstädtische Schaufenster der Kunsthochschule Mainz: eine 90 qm große Vitrine, nur von der Straße einsehbar – Herausforderung für die Künstlerinnen und Künstler, Attraktion für Passanten; eine künstlerische Bühne, auf der sich Lehrende, Studierende oder Gäste der Kunsthochschule Mainz präsentieren können. Die Ausstellungen sollen so ausgerichtet sein, dass sie auch ohne Eintreten funktionieren und jederzeit von den Vorbeikommenden wahrgenommen werden können. Gelegentliche Öffnungen, wie üblich zur Vernissage oder – wie bei der aktuellen Ausstellung – zu angekündigten Performanceterminen oder auch nach Vereinbarung sind jedoch möglich.
Die aktuell gezeigte Installation der beiden koreanischen Künstler Eunhyung M. Lee und Naehoon Huh trägt den Titel Hikikomori, was im Japanischen so viel bedeutet wie Menschen, die „sich wegschließen“. Nach psychomedizinischer Definition werden so Personen bezeichnet, die sich weigern, das elterliche Haus zu verlassen und sich für mindestens sechs Monate von Familie und Gesellschaft zurückziehen. Dieses Phänomen freiwilliger Isolation und sozialer Entfremdung wurde zuerst in Japan festgestellt, breitete sich dann jedoch rasch auch in Südkorea und anderen asiatischen Ländern aus. Beginnend üblicherweise im Teenager-Alter in Kombination mit Schulverweigerung, fühlen sich mittlerweile auch junge Berufstätige zunehmend von gesellschaftlichen Erwartungen überfordert, so dass ihre Versagensängste sie in inneren Rückzug und Kontaktscheu drängen. Die Schätzung schwankt mittlerweile zwischen 50.000 und 1.600.000 Betroffenen.
Im Zentrum der Ausstellung Hikikomori steht eine auf Rollen gesetzter Raum, eine Art verschlossene mobile Wohnkabine, die dem maßstabsverkleinerten Grundriss der apotheke entspricht. Diese beherbergt eine unsichtbare Person, die den Raum gelegentlich verrückt, ihn aber nicht verlässt. Aus der Decke führen Kabel, die mit mehreren an der Säule befestigten Monitoren verbunden sind. Diese bringen zum Vorschein, womit sich die verborgene Person beschäftigt oder wie sie bei Ansprache reagiert. So zeigen die Bildschirme beispielsweise Internetprogramme und soziale Netzwerke, in denen die Person gerade unterwegs ist oder Computerspiele, mit denen sie sich die Zeit vertreibt. Gelegentlich gibt sie auch tatsächliche Essensbestellungen auf.
Über eine angeschlossene Tastatur durch die ehemalige Medikamentenklappe neben dem Eingang ist es den Besuchern/Betrachtern möglich, mit der Person zu kommunizieren und zu interagieren. Die Passanten können dabei Antworten in unterschiedlichen Sprachen erhalten, ohne sich dabei jedoch sicher zu sein, ob diese aus dem Raum vor ihnen oder von ganz woanders her stammen. Gelingt es den Passanten, zur Person Kontakt herzustellen und sie aus ihrer Isolierung zu befreien? Ist es möglich, sich ein Bild von ihr zu machen auch ohne ihre unmittelbare Präsenz? In welchen Räumen bewegen und begegnen sich die Beteiligten? 

– Dr. Justus Jonas,  2018

Die Installation mit Performance von Naehoon Huh und Eunhyung Lee mit dem Titel „Hikikomori“ im Raum der Apotheke behandelt in erste Linie das Thema Kommunikation. In der Mitte des Raums steht eine weiße Kiste, die den in ihren Außenmaßen dem Grundriss des Raumes entspricht. Der Ausstellungsraum wird so auf wenige Quadratmeter reduziert. Außen angebracht die Zeichen für moderne Kommunikation schlechthin, Tastatur und Bildschirm. Der Betrachter hat hier die Möglichkeit selbst eine Kommunikation einzuleiten und es wird in der Folge klar, dass es sich bei der abweisenden Kiste nicht um ein leeres Behältnis, sondern um die Behausung des Adressaten der eingegebenen Nachrichten handelt, dem Hikikomori. Ein Hikikomori entzieht der Gesellschaft seine Körperlichkeit. Er beschränkt sich auf den digitalen Austausch und verweigert den Teil der Kommunikation, der mit dem direkten physischen Kontakt zu anderen Menschen zu tun hat. Keine Berührung, keine Gesten, kein Riechen, keine direkte Kommunikation, und damit die absolute Kontrolle.

 


 

Projekt 1: 1333_O.T.

 Verschiedene Möbelstücke, Malerfarbe | Installation | 2013